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1.
Der
Solipsist
Der Solipsist muss
Schizophren werden, um die Unstimmigkeiten in seinem Weltbild zu
verdrängen (Verdrängung im psychologischen Sinn). Die Annahme seiner
Einzigartigkeit, erzeugt einen Schatten ohne seine Ursache beschreiben
zu können.
Solipsismus ist ein Begriff aus der Philosophie.
Der Solipsist (wenn es ihn gäbe) wäre das atomos (griech.) im
wortwörtlichen Sinn. Er ist Unteilbar, Einzig und Allein. Er
beansprucht Ewigkeit, auch wenn er sein eigenes Ende verdrängt und
annehmen muss, dass die Welt mit ihm ebenfalls endet. Der Solipsist
errichtet sich sein Weltbild nach den eigenen Vorstellungen und ist
dann gezwungen es aufrecht zu erhalten, will er nicht die
Fragwürdigkeit seiner Position hinterfragen.
Der Begriff Solipsist existiert nicht. Er ist abgeleitet aus
Solipsismus.
Solipsismus ist zusammengesetzt aus solus ipse (lat.), "allein selbst"
und meint: nur die eigenen Bewusstseinsinhalte können Wirklichkeit sein.
Was ist Wirklichkeit in einem geschlossenen System?
Das System ist Selbst und Welt. Die duale Welt beinhaltet das Element
Ich, welches sich dadurch von der Welt unterscheidet, dass es die Welt
nicht vollständig selbst beinhalten kann (Mengenlehre).
Das Selbst meint Ich in seiner Unterscheidung zur Welt. Das Ich
beansprucht Bewusstsein. Der Solipsismus schließt jedes andere Ich aus
und rechnet es zur Welt gehörig.
Das Phänomen eines anderen Ich (selbst eines nur denkbaren) mit
Bewusstsein, ist Ursache für die Unstimmigkeiten im Weltbild des
Solipsisten. Sein eigenes Bewusstsein ist offensichtlich nicht in der
Lage ein anderes Bewusstsein vollständig zu beschreiben oder gar zu
kontrollieren. Jedes andere Bewusstsein versucht ebenfalls die Welt,
und damit auch die in ihr möglicherweise vorkommenden Elemente welche
Bewusstsein beanspruchen, zu manipulieren.
Zum Beispiel: die Handhabung eines Handbuchs, eines Datenspeichers ist
Umgang mit der Welt, allerdings sind diese Gegenstände von anderen
geschaffen worden. Jede eigene Reaktion bedarf ihrer korrekten
Vorhersage, um Bewusstseinsinhalt für den Solipsisten zu sein.
Ein anderes Ich müsste die eigene Vorstellung von Welt und die eines
potentiellen Anderen so manipulieren, dass sie den Erwartungen eines
anderen Ich entspricht.
In dynamischen und in ihrer Komplexität unendlichen Systemen wäre eine
Vorhersage der tatsächlichen Ereignisse nicht exakt möglich.
Der Solipsismus schließt den Wahnsinn nicht aus, ebenso wenig der
Dualismus. Der Solipsist kann sich ein anderes Ich, wie den eigenen
Wahnsinn, nicht vorstellen. Ihm bleibt das anthropozentrische Weltbild,
in dem die Welt so ist wie sie ist, weil der Solipsist als einziger
außer ihr existieren kann.
Das egomane Ich beinhaltet nur sich selbst.
Ein biologisches System könnte Dauerhaft sein, indem es sich Elemente
bedient die selbst keine Dauer und kein Bewusstsein besitzen. Systeme
besitzen kein Ich, sie sind Bewusstseinsinhalte. Systeme sind
Beschreibungen und der Solipsist ist ein Kunstwort.
2.
Repräsentation ist Eindimensional und Irreversibel
Eine
Ikone ist heraus gehoben aus dem Hintergrund und kann von allen
Beobachtern gesehen werden. Der Raum in dem sie hineingestellt ist, hat
so viele Dimensionen wie es aktuelle Betrachter gibt. Jeder Beobachter
erlebt sich selbst als Einzelnen und das Objekt als einzelnes. Der
Beobachter behauptet von sich selbst ein Objekt zu sein, welches von
anderen Objekten durch seinen speziellen Standpunkt abgegrenzt wird.
An
der Spitze der Aufmerksamkeit steht die Ikone. Die Basis bildet die
Durchschnittsmenge aller möglichen Betrachter. Ist die Ikone
Stellvertreter eines existierenden Menschen, ist dieser als Beobachter
in der
umgekehrten Situation. Er kann die Durchschnittsmenge quantitativ
überblicken, jedoch kein einzelnes Element heraus lösen ohne seine
eigene Erscheinung zu ändern. Der Repräsentant erkennt den Beobachter
als
Größe eines statistischen Mittelwerts oder allgemein bekannter
Stereotypen.
3.
Der
»mainstream« und die signifikante Abweichung
Statistisch
könnte ich den sogenannten »mainstream« als die Menge aller Teile
bezeichnen, die identische Eigenschaften aufweisen und den größten
Teil einer Datenmenge ausmachen (mainstream ist ein Wort aus der
englischen Sprache und bedeutet Hauptströmung).
Im
Vergleich zur rein statischen, statistischen Menge ist »mainstream«
eine dynamische Menge, die ihre hauptsächlichen Merkmale beibehält
während sie sich durch Raum und Zeit bewegt (Beispielsweise wäre
ein Soliton ist eine signifikante Abweichung in der Strömung eines
Flusses).
Eine
deutliche (signifikante) Abweichung ergibt sich bei der Erfassung von
Teilen die einen Toleranzwert gerade noch erfüllen und nicht dem
Durchschnitt einer Menge entsprechen (ich setzte hier Durchschnitt
und »mainstream« gleich). Das heißt: eine signifikante Abweichung
ist Teil der gesamten Menge, obwohl sie nicht alle (oder alle) ihrer
Eigenschaften aufweist.
Der
Toleranzwert wird durch die Differenzierung bei der Erfassung und
einem Fehlerwert vorgegeben.
Messwerte
selbst sind fehlerfrei, da sie einen numerischen Eintrag durch
Quantifizierung darstellen. Die korrekte Interpretation der Daten
wird vorausgesetzt, sie ist nicht in den Daten selbst enthalten. Es
ergibt sich eine Diskrepanz zwischen Daten und Auswertung, wenn die
Daten Menschen und ihre Eigenschaften darstellen sollen.
Wie
soll eine Person die identisch ist mit dem durchschnittlichen
Ergebnis einer Auswertung, eine signifikante Abweichung bewerten?
Weißt
eine solche Abweichung auf einen Messfehler hin oder gehört sich gar
nicht in den Datensatz?
Hat
eine solche Person die Kompetenz, die Legitimation seines Wissens und
die Befugnis, um ein Mess- und Auswertungssystem in Frage zu stellen?
Wenn
Menschen ihren Datensätzen entsprechen würden, dann hätten sie
keine individuelle Meinung, denn diese wäre mit erfasst worden. Alle
Aussagen die eine solche Person machen könnte, wären Zitate aus dem
Datensatz und somit allen anderen Personen schon bekannt (das Wissen
um den »mainstream« vorausgesetzt).
Ob
eine signifikante Abweichung einen positiven oder negativen Wert hat,
ist für die Statistik selbst unbedeutend. Eine signifikante
Abweichung stellt das Messsystem auf die Probe, ohne dies zu
beabsichtigen (Daten haben keine Absichten).
4.
Simplifizierung
oder Wille, Willi, Oberflächen.
Wenn
der Dreitage-Bart so aussieht wie er heißt, der Kaffee
durchgelaufen, die Fluppe brennt, ein paar Bier im Kühlschrank
stehen, der Wein dekantiert, das Koks kleingehackt, die Triebwerke
gestartet, der Kammillentee in der Thermoskanne und der richtige
Soundtrack geloopt sind, dann ist es Zeit für eine Runde mit dem
Blaumann.
Ein
wunderschönes, antikes Kleidungsstück aus blauer Baumwolle. Das
männliche Gegenstück zur Kittelschürze und nur echt wenn sich
Schmutzflecken selbst nach mehrmaligen Kochen in der Waschmaschine
nicht mehr entfernen lassen. Jeweils eine aufgenähte Tasche links
und rechts und an der Brust eine Tasche für mehrere Kilogramm
Kugelschreiber, welche einen schmierigen Streifen am unteren Rand der
Tasche hinterlassen haben (nicht das diese jemals gebraucht werden,
viel wichtiger ist es zu wissen wo sich, außer dem einen, noch
andere lebenswichtige Organe befinden könnten). Dieser edle Mantel
wird mit ein paar großen Knöpfen zusammengehalten und endet stets
oberhalb der Knie. Rasiermesserschafe Bügelfalten machen es einfach
ihn zusammen zu legen und jahrzehntelang in einer Hutschachtel auf
dem Schrank einzulagern.
Warenwert
als soziologische Identität.
In
was für eine Scheiße bin ich hineingeraten und wie oft stellen sich
wie viele Menschen am Tag diese Frage?
Es
gibt einen Unterschied zwischen Technik (siehe: techné) und
Instrument. Das eine sollte Mittel zum Zweck sein (siehe: Ontologie),
das andere das Ding das dazwischen Ge-ge-gerät. Anders ausgedrückt:
Der Willi der einen Nagel, mit dem Daumen, in die Wand drückt. Die
Technik stellt auch Mittel zur Aufzeichnung zur Verfügung. Der Willi
(sprich: Wille), will ein Bild an die Wand hängen. Wer hätte das
gedacht, er will sich mal wieder durchsetzen.
Der
Musiker greift zum Instrument, jagt einen Ton durch die Aufnahmekette
und belegt damit dass er (zumindest im Moment) kein Chirurg ist. Die
Aufzeichnungstechnik macht es möglich die eigene Vorstellung mit der
aktuellen Vorstellung einer Aufzeichnung zu vergleichen und damit der
ewigen Annäherung an die Null (oder Eins) eine weitere Kommastelle
hinzu zu fügen (s. o. »mainstream«).
Das
macht der Willi
nicht. Er
ärgert sich weil ihm das Bild ständig von der Wand fällt und sucht
nach einem größeren Nagel. Das wird ihn bald vom Hammer, zur
Bohrmaschine, zum Presslufthammer und in letzter Konsequenz zum
Bagger, bringen. Der Willi bevorzugt finale Lösungen, soll die
Nachwelt davon halten was sie kann – ohne ihn. Die Töne des
Musizierenden werden vom Doppelspaltexperiment der Idealisierung
(siehe: Quantifizierung, Dynamik, Raum- und Zeitprojektion) zu
»samples« zerlegt. Diese Kostproben zufällig herbeigeführter
Affekte, dienen komprimiert und weichgespült zur wohlgefälligen und
stuhlfördernden Beschallung des Warenlagers. Willi bedient die
Bohrmaschine, die Fernbedienung und entsprechende »Weichware« mit
der ihm eigenen Virtuosität ohne das ihm das je bewusst würde.
Es
gibt auch bei der Aufführung von Musik und Sprache Nebengeräusche,
diese werden aber von der Aufführung integriert und sind somit
keineswegs zufällig zu nennen. Das ist dem Willi völlig Wurst.
Während er in der Warteschlange der weiblichen und männlichen
Blaumänner wartet zieht er eine Stulle aus der rechten Tasche seines
eigenen Blaumanns. Das Geräusch zeichnet sich vor allem durch seine
Zufälligkeit aus. Sind die Geräusche beim Kauen persönliche
Erinnerung oder Information wenn sie aufgezeichnet werden (s. o.
Solipsist)?
Der
Willi nickt uninteressiert und wendet seine Aufmerksamkeit dem Gerät
zu. Er legt eine große Anzahl desselben auf das Kassenband. Dübel,
Allzweckschrauben, Schlagbohrer, Brechstange, Zement und zückt seine
speckige Brieftasche aus einer Gesäßtasche. Willi trägt Hosen
deren ausgewaschene Farbe sorgfältig an die seines Blaumanns
angepasst sind. Willi ist noch nicht auf die Idee gekommen sein Haus
abzureißen, weil ihm die Wände zu dünn sind, weshalb – vorläufig
– noch der Bestellschein für die Abrissbirne fehlt. Weil der
Soundtrack im Baumarkt geloopt wurde (»loop« ist ein Fachbegriff
und nur der wahre Meister weiß eine perfekte Schleife vom Knoten zu
unterscheiden) und sich deshalb endlos wiederholen wird, sofern das
Gerät und die Energie solange ausreichen, macht sich die
Inhaltslosigkeit reinen Rauschens bemerkbar.
Beim
Blick in die Augen der Verkäuferin wird Willi schlagartig klar was
eine signifikante Abweichung sein könnte.
Er
schleppt das Zeug nach Hause. Er nimmt das Bild vom Boden, kann keine
Ähnlichkeit feststellen und erkennt dass er vergessen hat das
Namensschild an der Oberbekleidung der Verkäuferin zu lesen,
geschweige denn aufzuzeichnen.
Nachdem
er alle Kabelverbindungen, Schalter, Pegelstände und Treiber, in
unveränderlicher Reihenfolge, abgeklopft hat, betätigt er den
finalen Hauptschalter. Kurz fällt die Spannung im ganzen Viertel ab.
Er wartet exakt 10 Sekunden, um Spannungsspitzen in den Kondensatoren
zu vermeiden und betätigt nochmals den Hauptschalter. Danach legt er
den Blaumann wieder sorgfältig in die Hutschachtel zurück und geht
schnellen Schrittes aus dem Haus.
5.
Referenzpunkt
Normalnull war einmal die amtliche Bezugsfläche für Höhen über
dem Meeresspiegel, was den Begriff zur allgemeinen Verunstaltung
freigibt. Normalnull bildete einen Horizont auf einer idealen
Oberfläche, welche diese zu oben und unten teilte. Normalnull gibt an
ab wann und wo etwas unter der Oberfläche verschwindet oder sich
darüber erhebt.
Trotz Normierungen und überflüssiger Kommastellen bleibt die
Oberfläche vage. Wenn die ewig währende Gegenwart mir schon bekannt
vorkommt, ist sie schon vorbei; kenne ich sie noch nicht, mache ich ein
X und kein Oval.
Die Ziffer Null wird eiförmig dargestellt: 0, obwohl eine Knolle die
angemessene Hülle wäre. Mit kleinen Quadraten (sog. Pixel) ist die Null
schwierig abzubilden (siehe: Quadratur des Kreises).
Die Null balanciert auf einer imaginären Spitze in einer fiktiven
Leere. Wenn sie sich nicht öffentlich zum Affen macht, dann wechselt
sie den Namen: Zero, Vakuum, Nirwana und so weiter. Auf die Frage »Ist
was?« ist »Nichts« die Antwort. Zwischen positiven und negativen
Werten, zwischen hier und dort, stellt die Null das Vorhandensein des
Nicht-Seins dar.
Im Sprachgebrauch ist alles normal worüber, ein meist
unausgesprochener, Konsens herrscht. Die normale Null ist
Massen-kompatibel und bewegt sich taumelnd von einer Wand zur anderen,
was gerne als Fortschritt gesehen wird, ohne jemals das ideale (ehemals
amtliche) Niveau erreichen zu können: Null.
Die Erde (der Planet) ist keine ideale Kugel, denn die exakte
Bestimmung der Kreiszahl Pi (π = 3,14159 26535 89793 23846 26433 83279
50288 41971 69399 37510 58209 74944 59230 78164 06286 20899 86280 34825
34211 70679 …) wird nie ein Ende erreichen. Ein normaler (d. h.
gebräuchlicher)
PC macht bei der 16. Kommastellen zufällig mehr als Null. Die
Buchhaltung kennt nur vier Kommastellen. Automaten rechnen mit Nullen
und Einsen. Irgendwie ist die Null immer dabei: Unsichtbar, unbemerkt,
Inhaltslos.
Der Referenzpunkt für numerische Messwerte ist ein Nullpunkt (siehe:
Wikipedia). Alles fängt beim Nullpunkt an, ohne das dieser Ursache für
irgendetwas wäre. Die Null bleibt was sie ist: Oberfläche ohne Inhalt.
In Null Komma nichts ist sie aus der Aufmerksamkeit verschwunden und
kreist um sich selbst.
Es helfen keine selbst erfüllenden Prophezeiungen, selektive
Wahrnehmungen und Störungen im sensorischen Bereich über den
Schwellwert (threshold) hinweg: Null.
Keiner weiß ob das Gras wachsen zu hören ist, wenn eine Billiarde
Nullen über den Bildschirm kullern. Ein so kleiner Bruchteil hat keine
Verantwortung, aber jede Menge Referenzen. Obwohl die Null keinen Wert
hat, sollte sie eine feste Position haben im Raum des Imaginären.
Geschwätz jedenfalls ist die Rede ohne Konsequenzen und Rauschen
(noise) ist Klang ohne Modulation. Ohne Zahlen vor oder nach ihr ist
die Null nichts und Null dBu sind etwa 0,7746 Volt.
6 .
Dialog
Epimenides
liegt in seiner Höhle und döst vor sich hin.
»Hm,
alle. Ja, alle ist gut.«
Epimenides
dreht sich auf die andere Seite seines Strohsacks. Flöhe springen
auf. Staub flirrt in der Luft. Licht fällt durch den schmalen
Eingang zu seiner Höhle.
»Alle
Kreter sind...«
Er
hält inne und denkt lange nach.
»Woher
soll ich wissen ob gerade alle Kreter sind?«
Er
wälzt sich mit geschlossenen Augen auf den Rücken und liegt
stundenlang reglos da. Dann
setzt er sich auf, wühlt sich in den Haaren und ruft:
»Alle
Kreter sind Lügner. Genau.«
Epimenides
sinkt sichtlich erschöpft auf sein Lager zurück.
Es
macht einen kleinen Knall und eine Rauchwolke steigt neben seinem
Strohsack bis zur Höhlendecke auf. Epimenides hat die Augen
aufgemacht. Er sieht sichtlich gelangweilt zu, wie sich der Dunst
langsam verzieht. Ein alter Mann taucht aus den Schwaden auf und ruft
aus:
»Wo
bin ich?«
Epimenides
antwortet lakonisch:
»In
Kreta wo sonst. Wer sind Sie?«
Homer
schüttelt den Kopf.
»Kein
Kreter, soviel steht fest. Dennoch würde ich behaupten das mein Ruhm
mir stets voraus eilt. Oder wollen Sie behaupten sie hätten nie von
meinen unsterblichen Epen Odyssee und Ilias gehört?«
Diese
Art der Rede ist ganz nach Epimenides Geschmack und er erwidert:
»Was
nicht heißt das Sie kein Lügner sind. Mir sind die Inkonsistenzen
in Ihrer Odyssee durchaus nicht entgangen.«
Homer
tut die Worte mit einer schnellen Handbewegung ab.
»Kleinasien
also. Man kommt schon herum. Inkonsistenzen! Es kommt darauf an wie
oft man seine Story wiederholt.«
Epimenides
klopft sich etwas Stroh hinter den Rücken, um bequem halb aufrecht
zu liegen.
»Sie
wollen also andeuten Sie hätten bei Ihrem ersten unsterblichen Epos
noch geübt.«
Homer
sieht Epimenides mit gespieltem Erstaunen an.
»Quatsch,
das tue ich andauernd. Aber die Leute wollen immer nur die Ilias
hören. Namen, Namen, Namen. Da brauche ich nur hin und wieder eine
kleine Schlachtplatte einzufügen. Odysseus aber schürte Ihren Neid.
Er schreckte nicht davor zurück sich mit den Göttern anzulegen.«
Epimenides
kratz sich am Kopf und zerquetscht einen Floh.
»Schlachtplatte?«
Homer
macht ein paar schnellte Bewegungen, so als würde er ein paarmal mit
einer Axt zuschlagen.
»Abgetrennte
Gliedmaßen. Nierchen am Spieß. Leber in kleinen Scheiben. Hirn zum
auslöffeln und so weiter. Odysseus war doch kein gewalttätiger
Mensch.«
Epimenides
läuft das Wasser im Mund zusammen. Speichel tropft von seinem Kinn.
»Kuttelflecken,
nicht zu vergessen. Trotzdem: ein Lügner. Wer hat das schon, eine
Frau die ewig auf ihn wartet? Während der Gemahl kein Abenteuer
auslässt.«
Homer
hebt in gespielter Verzweiflung die Hände:
»Das
Publikum liebt Paradoxien.«
Epimenides
schüttelt den Kopf.
»Wenn
ein Lügner behauptet er lügt, sagt er die Wahrheit.«
Homer
deutet mit dem Zeigefinger auf Epimenides.
»Ein
Mann der sowenig auf seine soziale Reputation hält, legt Wert auf
das Hören und sagen?«
Epimenides
entgegnet mürrisch:
»Was
sonst?«
Homer
zieht die Stirn in Falten.
»Abschriften,
zum Beispiel. Immerhin wurden Sie ein paar Mal zitiert. Ihr
Trugschluss hat die Leute lange beschäftigt. Das ist schon mal eine
Anmaßung. Die Unsterblichkeit, Sie verstehen.«
Epimenides
schlägt auf seinen Strohsack dass das Ungeziefer auffliegt.
»Alles
Unfug. Falsche Sparsamkeit, Übersetzungsfehler. Spekulationen.«
Homer
macht eine umfassende Armbewegung.
»Na
ja, es ist nicht so schwierig sich alle Namen auf einer kleinen Insel
zu merken. Was wundert´s wenn da ein paar klitzekleine, unbedeutende
Schlachten unter den Tisch fallen. Sie haben nicht einmal einen
Tisch.«
Epimenides
zappelt auf seinem Strohsack herum.
»Alle.
Alle. Alle. Lügner. Lügner. Lügner. Immer. Immer. Immer.«
Homer
lächelt dünn.
»Eine
Falschaussage. Deshalb wohl die Höhle.«
»Geschichtenerzähler«
faucht Epimenides zurück.
Homer
senkt beschwichtigend die Stimme.
»Wenn
Sie behauptet hätten dass Ihre Kreter manchmal lügen, dann hätten
Sie die Wahrheit gesagt.«
Epimenides
schüttelt den Kopf und ballt die Fäuste.
»Und
wie klingt das: Manchmal? Das sind nicht meine Kreter. Die Götter
tun und lassen was sie wollen.«
Homer
seufzt.
»So
ist mir das mit meiner Odyssee auch ergangen. Wenn ich nur nicht
dieses ungeheurere Gedächtnis hätte, vor allem für Namen. Möchten
Sie zur Entspannung ein paar gut erfundene Namen aus meiner Ilias
hören?«
Epimenides
lässt sich in seinen Strohsack zurück fallen und reibt sich die
Augen.
»Gerade
mein Mitgefühl und mein außerordentliches Gewissen brachten mich
dazu alle zu sagen. Ich habe mich aus angeborener Höflichkeit dazu
entschlossen, mich zu dieser Menge zu rechnen.«
Homer
entgegnet blitzschnell.
»Ihr
hätte genügt.«
Epimenides
klatsch sich in die Hände.
»Genau,
um eine Teilmenge außerhalb der Menge aller Mengen zu sein.«
Homer
sieht sich in der Höhle um. Er klopft mit dem Knöchel an den Fels,
scharrt mit den Sandalen im Unrat und stochert schließlich mit einem
Stöckchen in der kalten Feuerstelle.
»Ach,
lassen wir dieses unerquickliche Thema: die Namenlosen. Mir sieht es
hier nicht so aus als hätten Sie oft Besuch.«
Epimenides
Bauch knurrt.
»Meine
namenlose Aufwartefrau ist heute noch ist erschienen. Aber dafür
Sie! Himmel, Zeus und Zwirn, wo haben Sie Ihre Geschichten her?«
Homer
murmelt:
»Man
kriegt so einiges zu hören.«
Epimenides
macht eine wegwerfende Handbewegung.
»Das
ist das beste am Nachruhm: man hat absolut nichts davon.«
Homer
hat sich von der Feuerstelle aufgerichtet und klopft sich imaginären
Ruß vom Oberkleid.
»Lügen
ist ein relativistisches Konzept, jeder Schafhirte kennt unzählige
Möglichkeiten ein X für ein U zu machen.«
Epimenides
sieht flehend zur Höhlendecke auf.
»Es
wundert mich nicht dass Sie über Dinge reden, die Sie nicht kennen
können.«
Homer
stößt ein kleines Lachen aus.
»Oh,
mein Lieber, mein Dämon lebt außerhalb der Zeit und flüstert mir
Dinge zu die ich nicht verstehe. Meistens kann ich mit den Einfällen
der Götter wenig anfangen.«
Epimenides
stöhnt.
»Daimonion,
Schüttelfrost oder Wein, wer weiß das schon.«
Homer
beugt sich etwas zu Epimenides hinab und sagt mit Kinderstimme:
»Dialoge
sind eine uralte Sache.«
Epimenides
brummt zurück:
»Das
wohl. Aber ist ein erfundener Dialog nicht doch nur ein Monolog und
deshalb wieder nur eine Lüge?«
Homer
schürzt die Lippen und kaut ein wenig auf dem Gedanken herum.
»Das
Publikum liebt Lügen.«
Epimenides
fährt auf:
»Das
Publikum. Wollen Sie sagen Sie hätten es jemals gesehen?«
Homer
winkt ab.
»Teiresias
war blind. Gut, in den allgegenwärtigen Rauchschwaden ist auch nicht
viel mehr zu erkennen. Anbiederung erhöht das Selbstwertgefühl und
verdrängt den Gedanken an einen Hohlraum.«
Epimenides
wühlt sich tiefer in seinen Strohsack.
»Wenn
ich nur ein paar Schritte weiter gegangen wäre und einen sauberen
Syllogismus hingelegt hätte.«
Homer
macht ein paar mahnende Geräusche.
»Sie
eilen Ihrer Zeit voraus. Noch bestimmen die Götter unser Schicksal
und nicht die Deduktion oder gar Zufallszahlen.«
Epimenides
schließt die Augen.
»Ich
glaube es ist besser ich schlafe noch ein paar Äonen.«
Homer
strafft die Schultern und winkt zum Abschied.
»Immerhin
wird man sich an Sie erinnern. Auch ich muss jetzt wieder
verschwinden. Das Publikum. Ich hoffe meine Lyra ist gestimmt und die
Amphoren gut gefüllt.«
Anmerkung:
Epimenides
lebte im 6./7. Jahrhundert v. Chr. in Knossós auf Kreta und in
Athen.
Sein
berühmter Satz lautet vollständig:
»Alle
Kreter sind Lügner und alle von Kretern aufgestellten Behauptungen
sind Lügen«.
Homer
lebte ca. ende des 8. Jahrhunderts v. Chr.
Teiresias
ist ein mythologischer Seher, hat also nie gelebt.
Dieter
W. Albrecht, 2011
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